Blick
; 2003-07-29; Seite S18; Nummer 173SportBlick
Das grosse Interview mit NHL-Goalie David Aebischer
«Die grösste Chance meines Lebens»
Von Sandro Compagno
(Text) und Andy Blumenthal (Fotos)VERBIER. Heiss knallt die Sonne auf die Walliser Berge. Das Quecksilber zeigt 32 Grad. Auf einem überdachten Eisfeld in Verbier schwitzen ein Dutzend Hockey-Goalies. Unter ihnen David Aebischer (25). Er spielte als Junior bei Fribourg-Gottéron. Jetzt hat er die einmalige Chance, in der Profiliga NHL die Nummer 1 von Stanleycup-Favorit Colorado Avalanche zu werden. Es war ein langer und harter Weg aus der helvetischen Provinz in die USA.
Nach dem Rücktritt von Supergoalie Patrick Roy treten Sie an seine Stelle bei der Colorado Avalanche. In den US-Medien werden trotzdem immer wieder andere Goalies mit Colorado in Verbindung gebracht. Nervt das?
David Aebischer: «Nein. Ich lese die Zeitungen von drüben nicht. Aber eines ist klar: Bis ich den Beweis erbracht habe, dass ich eine gute Nummer 1 bin, muss ich mit diesen Spekulationen leben.»
Spüren Sie den Druck, der auf Ihnen lastet?
«Natürlich. Aber dieser Druck ist auch sehr motivierend. Er hilft mir, noch etwas mehr zu tun als bisher. Das ist die grösste Chance meines Lebens und ich will sie packen.»
Es ist Ihre einzige Chance. Wenn Sie versagen, können Sie die NHL-Karriere vergessen.
«So weit würde ich nicht gehen. Man weiss nie, wie viele Chancen man erhält. Ich habe drei Jahre lang bewiesen, dass ich eine gute Nummer 2 bin. Jetzt muss ich beweisen, dass ich eine sehr gute Nummer 1 bin.»
In allen amerikanischen Profi-Ligen, also auch in der NHL, wird Doping geduldet. Wie gross ist die Versuchung, mit dort ja erlaubten Substanzen die eigene Leistungsfähigkeit zu erhöhen?
«Es gibt sie nicht.»
Mit anderen Worten: In der NHL wird nicht gedopt?
«So einfach ist es nicht. Wenn ein Spieler krank ist, dann nimmt er halt ein Neo Citran. In Europa dürfte er das nicht, weil es Substanzen enthält, die nicht erlaubt sind.»
Ich spreche ja nicht von Hausmittelchen, sondern von Substanzen wie Anabolika. Hand aufs Herz! Wenn Ihr Coach zu Ihnen sagt: David, du machst einen guten Job, aber wenn du ein paar Kilo mehr drauf hättest, würdest du mehr Schüsse abwehren. Was würden Sie tun?
«Ich würde ihm sagen: Es bringt mir nichts. Meine Muskeln müssen geschmeidig, flexibel und explosiv sein. Es würde mir nichts nützen, wenn ich 120 Kilo Muskelmasse hätte, mich aber nicht mehr bewegen könnte. Ich bin praktisch 100-prozentig sicher, dass in unserer Mannschaft nicht gedopt wird.»
Via East Coast Hockey League und American Hockey League haben Sie sich in den letzten sechs Jahren sukzessive nach oben gearbeitet. Fühlen Sie sich am Ziel?
«Es gibt immer wieder neue Ziele: Die Nummer 1 zu bleiben, den Stanleycup zu gewinnen. Dass ich im Oktober die Saison im Tor beginne, ist sicher ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist. Aber es ist auch ein Traum, für den ich hart gearbeitet habe.»
Mussten Sie auf viel verzichten für diesen Traum?
«Sicher. Profisportler sein heisst auch verzichten können. Aber es sind Opfer, die später um ein Vielfaches vergolten werden.»
Worauf haben Sie verzichtet?
«Zum Beispiel auf den Ausgang. Wenn meine Kollegen in die Stadt gingen, bin ich ins Bettg gegangen. Oder wenn sie in der Badi waren, schwitzte ich im Kraftraum.»
Sie sagen, diese Opfer hätten sich gelohnt. Meinen Sie das finanziell?
«Nicht nur. Ich spreche von den Reisen, der Möglichkeit, Hockey zu spielen, den Menschen, die ich kennengelernt habe...»
Wie muss man sich die Stimmung in einer NHL-Mannschaft vorstellen? Als rein professionelle Angelegenheit oder ergeben sich auch private Freundschaften?
«Da ergeben sich schon auch private Beziehungen. Wir haben eine sehr gute Stimmung im Team und unternehmen oft etwas gemeinsam - sei es, dass jemand zum Barbecue einlädt oder dass wir nach den Spielen ausgehen. Wir kommen wirklich gut aus miteinander.»
Wem stehen Sie am nächsten?
«Richtig gut befreundet bin ich mit Martin Skoula, Milan Hejduk und Alex Tanguay.»
Mit Skoula und Hejduk waren Sie kürzlich in Barcelona an einem Treffen der Spielergewerkschaft NHLPA. Sie streiten mit den Klub-Besitzern um einen neuen Gesamtarbeitsvertrag ab 2004. Man spricht für die Saison 2004/05 von Streik.
«Wenn die Besitzer sich nicht einsichtig zeigen, wird es wohl einen Streik geben.»
Im Arbeitskampf NHL/NHLPA geht es um Geld. Die Besitzer wollen einen sogenannten «Salary Cap», eine maximale Lohnsumme pro Organisation festlegen, die Spieler nicht. Sind Sie geldgierig?
«Nein. Aber das Angebot der Besitzer war bislang einfach inakzeptabel.»
Aber ein Salary Cap ist doch eine sinnvolle Sache. Deswegen wird von den Spielern keiner hungern.
«Nein, aber eine festgelegte Lohnsumme für die einzelnen Organisationen ist ein wirkungsloses Instrument, um Lohnexzesse zu verhindern. Die Stars werden ihre Forderungen weiter durchsetzen können. Dafür wird die Mittelklasse leiden, für die dann weniger Geld zur Verfügung steht.»
Wie viel verdienen Sie in der neuen Saison?
«550000 US-Dollar.»
Genug Geld, um eine Familie zu ernähren. Sie sind seit acht Jahren mit Alexandra Thalmann zusammen. Ist Heiraten kein Thema?
«Alexandra absolviert in Denver ein Nachdiplom-Studium. Und das dauert noch ein Jahr. In dieser Zeit ist Heiraten kein Thema. Dann schauen wir weiter.»
Alexandras Vater wird im September Schweizer Botschafter in Ottawa. Hat er noch nie vorgeschlagen, Sie sollen zu den Ottawa Senators wechseln?
«Das ist kein Thema. Aber ich hoffe, dass wir den Familienfrieden nicht stören, wenn wir mit Colorado gegen Ottawa gewinnen.»
persÖnlich
Name: Aebischer
Vorname: David
Übername: «Abby», in fremden Stadien auch «Swiss Cheese»
Geburtsdatum: 7. Februar 1978
Privat: Ledig, seit acht Jahren mit Alexandra Thalmann zusammen. Alexandra ist David Aebischer in die USA gefolgt und hat in Denver Politologie studiert.
Karriere: Stanleycup-Sieger mit Colorado Avalanche 2001. Bronzemedaille an der U20-WM 1998 in Finnland und Wahl zum besten Goalie des Turniers. Aebischer durchlief die Junioren-Abteilung von Fribourg-Gottéron. 1997 wurde er als Nummer 161 von Colorado Avalanche gedraftet. Im selben Jahr ging er nach Übersee, wo er bei den Chesapeake Icebreakers in der East Coast Hockey League (ECHL) debütierte und via Wheeling Nailers (ECHL) und Hershey Bears (American Hockey League) im Jahr 2000 zu Colorado Avalanche stiess. Für die Organisation aus Denver bestritt er bislang 69 Spiele.