Das Grosse Interview David Aebischer, Goalie bei der Colorado Avalanche
«In der NHL musst du immer gut sein» VON SANDRO COMPAGNO DENVER (USA).
Der Playoff-Final in der NLA ist spätestens am nächsten Samstag Geschichte. In der nordamerikanischen Profiliga NHL geht es am Mittwoch erst richtig los. Und mittendrin steht David Aebischer (26). Der Fribourger soll die Colorado Avalanche zum Stanleycup hexen. Sie stehen unmittelbar vor ihren ersten NHL-Playoffs als Stammgoalie.
Wie fühlen Sie sich? David Aebischer: Playoff-Beginn ist immer eine aufregende Zeit, egal ob in der Schweiz, in der AHL oder jetzt in der NHL. Jetzt freue ich mich ganz einfach auf die Herausforderung.
Die Colorado Avalanche zeigte sich in den letzten Wochen in mässiger Form. Sie hätten Grund, nervös zu sein. Mässig? Das haben Sie sehr nett gesagt. Wir spielten die letzten 8, 9 Spiele richtig schlecht. Aber jeder in unserem Team weiss, dass wir uns verbessern müssen. Und das werden wir auch, schliesslich haben wir genügend Leaderfiguren im Team.
Genug oder zu viele? Es braucht nicht nur Häuptlinge, sondern auch Indianer... Ich denke nicht, dass wir zu viele Leader haben. Die Chemie im Team stimmt, der Teamgeist ist immer noch erstaunlich gut. Und wir verstehen uns nicht nur auf, sondern auch neben dem Eis blendend. Das kann im Playoff ein wichtiger Faktor sein. Colorado schiesst viel zu wenig Tore.
Ist das angesichts der grossen Klasse im Kader - mit klingenden Namen wie Forsberg, Kariya, Selänne, Tanguay, Sakic, Hejduk - nicht ein wenig peinlich?
Es ist auch für solche Stars nicht einfach. Viele unserer Gegner haben Angst, dass sie gegen uns in den Hammer laufen, und spielen deshalb defensiv bis destruktiv. Und wir lassen uns dadurch frustrieren, begehen Fehler und laufen prompt in Konter. Was können Sie dagegen tun? Zunächst auf 0:0 spielen und warten, bis der Gegner die Fehler macht. Zu Beginn der Saison erwarteten Fans und Experten, dass wir jeden Gegner mit 6:0 oder 6:1 vom Eis fegen. Aber das ist heutzutage auch mit der besten Mannschaft nicht möglich.
Letztes Jahr wurde Trainer Bob Hartley im Frühjahr entlassen. Hat man heuer den richtigen Zeitpunkt verpasst, um Coach Tony Granato zu schassen? Es ist nicht an uns Spielern, das zu entscheiden oder zu kommentieren. Aber ich denke, das Management hat richtig entschieden, mit Tony weiterzumachen.
Sprechen wir über Ihre Position. Wie sicher sind Sie, dass Sie im ersten Playoff-Spiel im Tor stehen? Wenn nichts passiert, das heisst, wenn ich mich nicht verletze, 100-prozentig. Seit der Verpflichtung von Tommy Salo verfügen Sie über einen Backup von Format. Ist das beruhigend oder bereitet Ihnen das Sorgen? Im Gegensatz zu Phil Sauvé hat Salo immerhin realistische Chancen, Sie im Colorado-Tor zu verdrängen. In der NHL musst du immer gut sein - egal, wen du hinter dir hast. Ob Sauvé oder Salo ändert in diesem Sinne nichts für mich. Ich muss meine Leistungen fortsetzen, dann bleibt auch die Rangordnung, wie sie ist.
Sie überzeugten in Ihrer ersten NHL-Saison als Nummer 1 durch Ihre Konstanz. Fürchten Sie nicht, irgendwann noch in ein Formtief zu geraten - im dümmsten Moment, im Playoff? Ich bin mit meinen Leistungen in dieser Saison wirklich zufrieden. Um mir Sorgen zu machen, wäre jetzt der falsche Zeitpunkt. Ich bin einfach nur aufgeregt, dass es endlich losgeht.
In der Schweiz herrscht zur Zeit eine erregte Lohndebatte. Sie sind mit 550000 US-Dollars gemeinsam mit Martin Gerber von den Anaheim Mighty Ducks der bestverdienende Schweizer Hockey-Spieler. Wie lebt sichs mit so viel Geld? Ich habe kein Problem mit meinem Lohn. In der Position, in der ich mich zur Zeit befinde, bin ich sogar einer der am schlechtesten Verdienenden. Aber ich gebe zu, dass ich meinen Wohlstand geniesse. Ich mache gutes Geld und kann erst noch Eishockey spielen. Natürlich gebe ich jetzt auch mehr Geld aus als noch vor fünf oder sechs Jahren, als ich in der AHL für einige zehntausend Dollar spielte. Aber als Sportler weiss ich nie, wie lange meine Karriere noch dauert, und deshalb lege ich einiges auf die Seite. Mit dem Ziel, ausgesorgt zu haben, wenn Ihre Karriere endet... Genau. Ich will später die Möglichkeit haben, tun und lassen zu können, was mir gefällt. Ohne den Zwang, einen Job nur wegen des Geldes machen zu müssen. Ihr Vertrag mit der Colorado Avalanche läuft Ende Saison aus.
Welche Zahl wird in Ihrem nächsten Kontrakt stehen - 2 Mio., 3 Mio. oder 4 Mio. Dollar? Keine Ahnung. Aber für genau solche Fragen habe ich meinen Agenten Kurt Overhardt. Damit hat er sich auseinanderzusetzen.
Was haben Sie sich als letztes geleistet? Eigentlich nichts von Belang. Die letzte grössere Anschaffung war mein Haus in Denver, aber das ist auch schon wieder zwei Jahre her.
Und wie fühlt sich das an, wenn Sie jeden Morgen mit Ihrem Chevrolet an den Bettlern, die nicht weit von Ihrem Haus an der Hauptstrasse stehen, in Richtung Eishalle vorbeifahren? Ich mache mir schon meine Gedanken. Ich kenne die Storys dieser Leute nicht. Aber sie lassen mich immer wieder erkennen, wie viel Glück ich in meinem Leben hatte. Und sie sind auch eine Warnung, dass man schnell ziemlich weit unten ist, wenn man nicht aufpasst.
Werden wir privat: Sie haben vor einigen Monaten gesagt, heiraten sei kein Thema, solange Ihre Freundin Alexandra Thalmann ihr Studium nicht abgeschlossen hat. Jetzt ist sie fertig... Noch nicht ganz. Sie hat noch zwei Monate. Und Sie haben eine Gnadenfrist. Wissen Sie, heiraten ist eine private Angelegenheit. Sicher wird es irgendwann mal ein Thema. Aber wir werden diese Entscheidung ohne den SonntagsBlick treffen.
Wissen Sie eigentlich, wer in der Schweiz den Playoff-Final bestreitet? Bern führt 1:0 gegen Lugano. (Das Gespräch fand in der Nacht von Donnerstag auf Freitag statt, die Red.) Sie sind offensichtlich gut informiert. Das war ein Zufall. Vorhin rief mich ein Freund aus der Schweiz an und hat es mir erzählt.
Verfolgen Sie das Schweizer Eishockey? Als Fribourg noch im Playoff war, habe ich mich regelmässig informiert. Mit dem Ausscheiden meines Stammklubs hat aber auch meine Anteilnahme stark abgenommen. Ich habe im Moment genug mit mir und der Colorado Avalanche zu tun.
Die Nati bereitet sich zur Zeit auf die A-WM vor. Ab Mitte April stösst Martin Gerber zum Kader. Was machen Sie, falls Colorado im Playoff früh ausscheidet? Kommen Sie nach?
Wir werden nicht früh ausscheiden. Also stellt sich diese Frage für mich nicht. Hatten Sie in den letzten Wochen Kontakt zu Nationaltrainer Ralph Krueger? Ich muss ihn zurückrufen. Er hat vor einigen Tagen auf meine Combox gesprochen. Aber wie gesagt, die Nati ist zur Zeit wirklich kein Thema.
Letztes Jahr waren Sie sauer, dass Sie nicht aufgeboten wurden. Ist das Thema Nati für Sie generell beendet?
Nein. Das habe ich auch nie gesagt. Ich stehe der Nati grundsätzlich positiv gegenüber.
In der Schweiz erwarten wir freudig erregt den NHLLockout. Was tun Sie im Herbst, wenn es tatsächlich so weit kommt? Ich werde sicher in der Schweiz spielen, wenn möglich in Fribourg.
PERSÖNLICH Name: Aebischer Vorname: David Übername: «Abby», in fremden Stadien auch «Swiss Cheese» Geburtsdatum: 7. Februar 1978 Grösse: 1,89 m Gewicht: 85 kg Beruf: Hockeyprofi, gelernter Heizungsmonteur. Privat: Ledig, seit acht Jahren mit Alexandra Thalmann zusammen. Alexandra ist David Aebischer[100] in die USA gefolgt und studiert in Denver Politologie. Karriere: Stanleycup-Sieger mit der Colorado Avalanche 2001. Bronzemedaille an der U20-WM 1998 in Finnland und Wahl zum besten Goalie des Turniers. Aebischer[100] durchlief die Junioren-Abteilung von Fribourg-Gottéron. 1997 wurde er als Nummer 161 von Colorado gedraftet. Im selben Jahr ging er nach Übersee, wo er bei den Chesapeake Icebreakers in der East Coast Hockey League (ECHL) debütierte und via Wheeling Nailers (ECHL) und Hershey Bears (American Hockey League) im Jahr 2000 zur Colorado Avalanche stiess. Für die Organisation aus Denver bestritt er bislang 131 Spiele, allein diese Saison 62.
JA ODER NEIN? Es wäre ein Riesenspass, im Herbst für Fribourg zu spielen. JA Alles andere als der Gewinn des Stanleycups wäre eine Enttäuschung. JA Mit 550 000 Dollar Jahressalär fühle ich mich unterbezahlt. NEIN Tony Granato ist der beste Coach, den ich je hatte. NEIN Ralph Krueger ist der beste Motivator, den ich kenne. NEIN (Einmal darf der Joker gezogen werden.)