Der Eisprinz

FACTS 40/2003, 2.10.03

Der Trainer der Colorado Avalanche hat sich entschieden: David Aebischer ist seine neue Nummer eins. Der Schweizer Goalie schreibt Eishockey-Geschichte.

Von Jürgen Kalwa

Der flüchtige Blick hinauf unters Dach der Arena gibt keine besonderen Einsichten frei. Was man sieht, sind Scheinwerfer und stählerne Verstrebungen, die die Halle und das steile Tribünenoval für 18 000 Zuschauer zusammenhalten. Darunter hängt neben einem riesigen Videomonitorwürfel eine farbige Kugel mit dem Markensignet, das dem Pepsi Center in Denver, Colorado, den Namen gegeben hat. Wer genauer hinschaut, erkennt unter dem Dach ein grossformatiges weisses Trikot mit der Nummer 77, auf dem der Name «Bourque» steht. Die Ehre gilt Ray Bourque, dem besten Verteidiger der National Hockey League (NHL) aller Zeiten.

Am 28. Oktober wird David Aebischer zum ersten Mal in seiner Profilaufbahn seine Augen mit Bedacht in diese Richtung lenken. Denn dann wird höchst feierlich ein zweites Stück Stoff Richtung Himmel gehievt. Eines mit der Nummer 33 und dem Namen von Patrick Roy, der dem 25-jährigen Schweizer drei lange Jahre vor der Nase stand. Die Zeremonie ist eine typisch amerikanische Entertainment-Einlage. Sie wird den Fans der Colorado Avalanche noch einmal verdeutlichen, dass Roy, der beste kanadische Eishockey-Torhüter in der NHL-Geschichte, seine Laufbahn Ende letzter Saison beendet hat, wie Bourque zwei Jahre zuvor.

David Aebischer steht vor dem bisher grössten Schritt in seiner Laufbahn als Profisportler – heraus aus dem Schatten des braven Ersatzmanns, hinein ins Rampenlicht. Nachdem er bereits seit drei Jahren die Rückennummer 1 trägt, darf er zum ersten Mal beweisen, dass er diese Nummer tatsächlich wert ist. «David hat sich mit sehr viel Geduld auf diesen Tag vorbereitet», sagt Avalanche-Trainer Tony Granato. Damit bestätigte zum ersten Mal ein Offizieller des Klubs, worauf die Fans in der Schweiz sehnlichst gewartet haben: «Aebischer ist der Mann, auf den wir jetzt setzen. Er ist unser Starter. Daran besteht überhaupt kein Zweifel.»

Dass der Stanley-Cup-Sieger der Jahre 1996 und 2001 seine hoch gesteckten Ambitionen mit einem Torwart in Angriff nimmt, der in seiner NHL-Karriere nicht mehr als 35 Play-off-Minuten auf dem Eis stand, hat viele Fachleute verblüfft. Der Freiburger David Aebischer ist der erste Schweizer Goalie, dem diese Ehre erteilt wird. Sein Fürsprecher war ausgerechnet Patrick Roy, der exzentrische und als arrogant geltende Frankokanadier – die beiden Goalies verstanden sich sprachlich und menschlich bestens. Neben der Fürsprache seines Vorgängers profitiert Aebischer auch von einer besonderen Konstellation im Klub. Manager Pierre Lacroix hat nach der letzten, enttäuschenden Saison mit dem überraschenden Play-off-Aus gegen die Minnesota Wild das Geld für Transfers in offensive Spieler investiert und die beiden stocktechnisch hoch talentierten, schnellfüssigen Stürmer Paul Kariya und Teemu Selänne nach Denver geholt. «Ein Weltklasse-Schachzug von unserem Management», kommentiert Aebischer und lächelt verschmitzt. Denn dies bedeutete, dass die Verantwortlichen aus finanziellen Überlegungen auf die Verpflichtung eines neuen erfahrenen Torhüters verzichteten, stattdessen auf den Schweizer setzen, dessen Jahresgehalt von rund einer halben Million Dollar plus Bonus für NHL-Verhältnisse ein Schnäppchen ist.

Vergleiche zu seinem Vorgänger braucht Aebischer vorläufig nicht zu fürchten. Granatos Prognose lautet: «Er kann einer der Spitzen-Goalies in der Liga werden. Wir erwarten aber nicht, dass er der nächste Patrick Roy wird. Wir wollen, dass David Aebischer so gut spielt, wie er kann. Das ist mehr als genug.»

«Ich weiss, was ich kann», betont der 25-Jährige selbstbewusst. «Ich muss einfach so weiterarbeiten wie bisher, dann wird alles gut.» Zusammen mit Goalie-Kollege Martin Gerber, dem Ersatzmann beim Stanley-Cup-Finalisten Anaheim Mighty Ducks, hat Aebischer in der Sommerpause in der Schweiz den auf Torhüter-Training spezialisierten Bruno Knutti konsultiert, um seine Beinarbeit zu verbessern. Zum Programm gehörten Badmintontraining, stundenlange Anstrengungen im Fitnessstudio und eine Umstellung der Ernährung weg von Kohlehydraten hin zu mehr Proteinen. Das Resultat sahen die Mitspieler beim Trainingsstart bereits in der Kabine, wo Aebischer nach Roys Abschied mit seinem Kleiderhaken um einen Platz aufgerückt war. Er wiegt mit 86 Kilogramm genauso viel wie früher, aber seine Muskulatur wirkt schlanker und strammer.

Wie gut Aebischer ist, davon konnten sich die Avalanche-Fans bei den Heimspielen in der Vorbereitungsphase überzeugen. Beim ersten Match gegen Dallas blieb er ungeschlagen. Bei der zweiten Partie gegen die Los Angeles Kings behielt er auch in brenzligen Situationen Ruhe und Übersicht und liess nur einen Gegentreffer zu. Aebischers Stärken sind die Reaktionsschnelligkeit, die Fangsicherheit und sein siebter Sinn für überraschende Situationen, die sich auf Grund der kleineren nordamerikanischen Eisflächen immer wieder ergeben. Die Ausflüge, wenn er als letzter Verteidiger seinen Torraum verlassen muss, sind allerdings verbesserungswürdig. Er ist ehrlich genug zuzugeben, dass er dann und wann zu «falschen Entscheidungen» neigt. «Ich brauche mehr Übung.»

Die kommende Saison, die am 10. Oktober mit dem Spiel gegen die Chicago Blackhawks beginnt, kann Aebischer sportlich, aber auch finanziell weiterbringen. Sein Vertrag läuft im Sommer aus, was ihm je nachdem, wie gut er in den ersten Monaten spielt, einen neuen Kontrakt mit einem Jahressalär zwischen drei und vier Millionen Dollar bringen kann. Es könnte aber auch anders laufen. Vielleicht wird ihm vor der Play-off-Runde doch noch ein erfahrener Goalie vorgezogen. Die Tageszeitung «Denver Post» hat schon einmal mögliche Namen ins Spiel gebracht, um Aebischer anzustacheln. Stichtag: irgendwann im Februar. Möglich ist auch, dass Aebischer im Rahmen eines für den nordamerikanischen Sport typischen Tauschhandels an einen anderen Klub abgegeben wird. Der Schweizer lässt sich von solchen Irritationen nicht beeindrucken.

Es ist bemerkenswert, dass für die Schweizer Feldspieler, die von NHL-Klubs gedraftet wurden, bisher keiner reüssieren konnte. Frustrierte Heimkehrer wie Michel Riesen oder Reto von Arx konnten in Kanada und den USA die Erwartungen nicht erfüllen und bestätigten den Vorbehalt von Ron Wilson, früher Spieler in der Schweiz, heute Coach der San Jose Sharks, den er schon vor Jahren geäussert hatte: «Es gibt tonnenweise Talent in der Schweiz. Aber es kommt nie zum Vorschein, wenn es zählt.» Experten führen das Scheitern der Schweizer Stürmer vor allem auf mangelnden Egoismus zurück. Egoismus bis hin zum Eigensinn, wie er für den harten Konkurrenzkampf in der NHL nötig ist. Für die Torhüter, die in der Regel nur einen Kontrahenten haben, gilt dies weniger. Hier sind die Rollen bei den meisten Klubs klar verteilt, so wie es bei Roy und Aebischer war. Wichtiger als Egoismus sind bei den Keepers die Tugenden Selbstvertrauen und Ausstrahlung.

Joe Sakic, Team-Captain der Colorado Avalanche, stellt dem Schweizer ein gutes Zeugnis aus. «Goalies brauchen Selbstvertrauen, davon hat Aebischer genug», und er fügt ein viel versprechendes Kompliment an. «Er hat alle Qualitäten, die ein guter NHL-Torhüter braucht.»