Interview David Aebischer
David Aebischer hat sich in Nordamerika durchgebissen: Es ist quasi eine Tellerwäscher-Karriere. Nachdem er 1997 als Nr. 161 von Colorado Avalanche gedraftet wurde, zog der Freiburger aus nach Nordamerika, kämpfte sich durch die Minor-Leagues in bei Chesapeake, Wheeling und schliesslich den Hershey Bears. Mit Colorado wurde er 2001 Santley-Cup-Sieger und bekommt für seine Einsätze regelmässig gute Kritiken. Nun scheint der 25-jährige kurz vor dem Durchbruch, sogar die Nummer 1 zu werden.
Sascha Rhyner, Denver
Top Hockey: David Aebischer, Sie spielen Ihre dritte Saison bei Colorado als Back-up-Goalie hinter Patrick Roy. Der Vertrag des Rekordkeepers läuft Ende Saison aus, man geht aber allgemein davon aus, dass der bald 38-jährige Kanadier seinen Kontrakt um ein weiteres Jahr verlängern wird. Wissen Sie schon, wie es nächste Saison weitergeht?
Aebischer: Ich habe keine Ahnung, aber ich nehme grundsätzlich nichts an, sondern spiele einfach, wenn ich die Gelegenheit erhalte. Ich kann sowieso nichts bestimmen. Colorado ist noch zwei Jahre im Besitz meiner Rechte und kann somit quasi über mich verfügen. Und jedes Mal, wenn ich im Dress der Avalanche ein gutes Spiel zeige, wissen dies automatisch auch 29 andere Mannschaften.
TH: Die NHL lebt von Statistiken; in Ihrem ersten Jahr absolvierten Sie 26 Spiele bei 12 Siegen, in der vergangenen Saison waren es 21 Partien bei 13 Seigen. Heuer sieht die Situation etwas weniger rosig aus. In 20 Spielen, davon 18 von Beginn, resultierten lediglich 7 Siege. (Stand: 17. März 2003)
Aebischer: Ich bin trotzdem zufrieden. Es war immer mein Ziel, in der NHL zu spielen, und hier in Denver habe ich einen absoluten Topgoalie vor mir. Ich rechne damit, dass ich mehr Einsätze als in der letzten Saison haben werde. Ich habe trotz der Niederlagen eine sehr gute Saison mit konstanten Leistungen gehabt. Ich hatte lediglich ein schlechtes Spiel.
TH: Wo haben Sie denn in den sechs Jahren in Nordamerika am meisten Fortschritte gemacht?
Aebischer: Ich habe überall Fortschritte gemacht, vor allem aber im Spiel ausserhalb des Torraums. Ich bin aktiver geworden, und spiele die Scheibe häufiger, das gehört hier dazu. Ich muss aber noch viel an mir arbeiten, ich habe noch viel Potential.
TH: Wie sehen Sie denn ihre Zukunft?
Aebischer: Ich habe jeden Tag ein nächstes Ziel: Wieder ein gutes Training. Langfristig möchte ich sicher einmal Nummer-1-Goalie in einem NHL-Team sein und nochmals den Stanley-Cup gewinnen. An diesen Sieg (2001, Anm. d. Red) erinnern mich zahlreiche Gegenstände in meinem Haus. Pokale, Fotoalben und natürlich der Ring. Dieses schöne Gefühl möchte ich nochmals erleben!
TH: In ihrer Karriere gab es aber nicht nur schöne Momente, gerade das letzte Jahr mit dem wenig geglückten Auftritt bei den olympischen Spielen war ein Dämpfer.
Aebischer: Diese Erfahrung hätte ich sicher lieber nicht gesammelt, aber das Jahr 2002 ist Geschichte. Ich muss nach vorne schauen. In der NHL zählt für eine Mannschaft wie unsere nur eines: entweder bist du die Nummer 1 oder nicht.
TH: Zu Beginn der Saison lief allerdings auch nicht optimal, was die Ablösung des Erfolgtrainers Bob Hartley durch Tony Granato zur Folge hatte.
Aebischer: Hartley war viereinhalb Jahre Trainer, da hat sich die Beziehung sicher etwas abgenutzt. Es war wohl Zeit für einen Wechsel. Unter dem neuen Trainer musste jeder wieder beweisen, dass er ins Team gehört. Dennoch war die Mannschaft eigentlich nie verkrampft. Wir wussten, dass wir noch kommen werden, auch wenn die Situation natürlich nicht einfach war. Die Playoff-Qualifikation war aber nie ein Thema, sondern immer nur ein Platz unter den ersten vier der Western Conference, was uns im Playoff Heimvorteil bescheren würde.
TH: Patrick Roy ist nicht gerade als einfacher Typ bekannt, wie ist denn Ihr Umgang mit dem Superstar?
Aebischer: In den ersten zwei Jahren war tatsächlich eine gewisse Distanz vorhanden, in diesem Jahr sind wir aber gute Kollegen geworden. Er hat auch gemerkt, dass er auch von mir lernen kann. Wir besprechen uns regelmässig nach den Trainings und auch in den Drittelspausen.
TH: Es macht ganz den Anschein, dass Sie sich in Denver pudelwohl fühlen?
Aebischer: Ja, das ist richtig. Ich fühle mich hier zuhause und habe jetzt sogar ein Haus gekauft. Aber es ist für mich auch klar, sollte hier einmal alles zu Ende sein, werde ich nach Freiburg zurückkehren.
TH: Was vermissen Sie denn am meisten aus der Heimat?
Aebischer: Eigentlich nur meine Familie und meine Freunde, auf den Rest kann ich problemlos verzichten. Als ich neu in den USA war, habe ich übers Internet jeden Tag verfolgt, was auf den heimischen Eisfeldern passierte, heute mache ich das nur noch ab und zu. Ich gehe eher auf eine NHL-Site. Aber wenn mich jemand aus der Schweiz besuchen kommt, freue ich mich natürlich, besonders wenn diese Person noch Fonduekäse oder Schokolade mitbringt. Und Rivella blau. Das ist mein absolutes Lieblingsgetränk. Ich frage immer, ob man nicht gerade eine Flasche mitbringen könnte.
TH: Das hat Ihr Fanclub beim Besuch im Februar ja reichlich getan. Auch sonst haben Sie eine treue Anhängerschaft in der Schweiz?
Aebischer: Tatsächlich! Es gibt nicht viele Spieler, die so etwas haben. Im Spiel gegen die Flames kreierten sie ein unglaubliche Stimmung im Stadion, obwohl sie ja nur etwas 25 waren. Ansonsten ist es eben in der NHL eher ruhig, wenn die Partie läuft, das ist sicher einer der grossen Unterschiede.