SLAPSHOT Ausgabe August 2003 – Joël Wüthrich - WorkingPress
DER KRONPRINZ
Die Geduld wird belohnt: David ersetzt den Goliath. David Aebischers Chancen, der erste Schweizer NHL-Stammspieler zu werden, stehen besser denn je. SLAPSHOT besuchte den Colorado-Keeper in Tafers im Elternhaus während seiner Ferien.
Von Joel Wüthrich, Working Press Basel/Montreal,
Fotos Pius Koller
Noch vor einem halben Jahr durfte man spekulieren: Wird David Aebischer weiterhin in Colorado bei der Avalanche die Geduld aufbringen und als Backup von Superstar Patrick Roy auf seine Chance warten? Oder wird der eventuell eines der interessanten Angebote eines weniger starken Vereines als Nummer 1 prüfen, wie es etwa Marc Denis vor zwei Jahren machte? Schliesslich löste Patrick Roy mit seinem Rücktritt von der NHL-Bühne den gordischen Knoten und bestätigte die Marschroute Aebischers, mit Geduld und seriöser Arbeit zum Kronprinz zu werden. Jetzt oder nie, heisst die Devise in diesem Herbst. Denn die Colorado Avalanche setzt auf ihre beiden jungen Keeper. Der Kampf um den Stammplatz zwischen David Aebischer und Philippe Sauvé wird im September-Trainingscamp vor dem Saisonstart den Ausschlag geben.
David Aebischer, Sie gehen seit Ihrer ersten Saison in der NHL jeweils immer in ein „Jahr der Wahrheit". Die erste als Rookie, die zweite als „Sophomore", die dritte Saison war eine Bestätigungssaison und nun folgt möglicherweise die erste in der Rolle der Nummer Eins. Können Sie gut damit umgehen, dass sich der Druck immer mehr akzentuiert?
D. Aebischer:
Ich denke, dass dies ein normaler Vorgang ist. Wenn ich mich immer weiter entwickeln möchte und den nächsten Schritt bis zu meinem Ziel jeweils vollziehen will, muss ich mit dem Druck umgehen können und ihn sogar auch wollen. Ich empfinde es im übrigen nicht so, dass jetzt mehr Druck auf mich lastet. Schliesslich habe ich ja dieser Situation wie sie sich jetzt präsentiert, entgegen gefiebert. Jetzt muss ich einfach meine Chance nutzen und Vollgas geben. Jetzt oder nie ist jetzt für mich die Devise. Das Sommercamp wird sehr wichtig und im September will ich mich als Nummer Eins in Colorado bewerben.
Dennoch ist es wohl eine besondere Situation im Vergleich zu den Vorjahren. Zuvor erwartete man von Ihnen einfach Fortschritte und solide Leistungen. Jetzt kommt eine gehörige Portion Verantwortung hinzu...
D. Aebischer:
Das ist schon richtig. Aber ich wusste, dass der Tag vielleicht kommen würde, an welchem ich diese Verantwortung übernehmen muss. Es ist schliesslich das Ziel eines jeden Profigoalies, sich in dieser Situation zu befinden. Aber noch ist es ja nicht soweit und ich muss zuerst noch diese Chance erhalten. Dazu werde ich Gelegenheit bekommen. Ich wiederhole: Jetzt will ich die Chance packen!
Die abgelaufene Saison war für alle in Colorado eine Enttäuschung. Auch Sie erreichten Ihr Ziel, mehr Siege und bessere Statistiken, nicht.
D. Aebsicher:
Nun ja, es war schwierig, nach dieser Saison letztes Jahr mit statistischen Traumwerten gleichzuziehen. Auch Roy hatte weitaus schwächere Werte. Ich hatte zudem Pech, da ich zuvor nie Overtime-Niederlagen einstecken musste und letztes Jahr gleich deren vier. Und alle kamen sie fast zu Beginn der Saison. Aber der Abschluss war dann schliesslich nicht schlecht für mich. Ich konnte mein Level wieder hochbringen. Das Pech als Backup-Goalie war zudem, dass ich oft in heiklen Partien zu Ende eines anstrengenden Road Trips eingesetzt wurde. Die Defensivarbeit war dann nicht mehr so optimal wie sonst. Nicht selten habe ich über 40 Schüsse pro Spiel aufs Tor erhalten. Die Save Percentage war hoch, aber die GAA und die Sieg-Statistik dafür nicht besonders. Wir haben uns aber alle in der Folge gesteigert und danach sahen die Werte auch nicht schlecht aus. Was für mich und das Team jedoch gilt: Ich habe technisch erneute Fortschritte gemacht, vor allem aber im Spiel ausserhalb des Torraums. Ich bin aktiver geworden, und spiele die Scheibe häufiger, das gehört hier dazu. Ich muss aber noch viel an mir arbeiten, ich habe noch viel Potential. Das alleine zählt.
Hatten Sie während der Saison bereits spekuliert, ob Patrick Roy Ende Saison oder ein Jahr später bekannt geben würde? Hat er etwas durchblicken lassen, wie sein Entscheid aussehen könnte?
D. Aebischer:
Etwas spekuliert habe ich schon, dachte aber, dass er eher ein Jahr später aufhören würde. Speziell nach dem Erstrunden-Aus in den Playoffs hatte ich eher mit einer Fortsetzung der Karriere gerechnet, damit er sie mit einem Erfolg ausklingen lassen kann. Aber er hatte sich schon Mitte Saison entschieden, jedoch niemanden etwas merken lassen.
Bleiben wir beim Thema Spekulation: Hatten Sie auch einmal daran gedacht, den verein zu wechseln, falls Roy noch zwei oder drei weitere Jahre weitergemacht hätte? Es gab ja einige interessierte Nachfragen von Vereinen mit weniger Ambitionen. Oder war Geduld immer ein Bestandteil Ihrer Taktik?
D. Aebischer:
Ich wusste, dass meine Chance irgendwann mal kommen musste, wenn ich als Backup sehr seriös arbeite und Perspektiven offeriere. Deshalb waren die anderen Lösungsmöglichkeiten in der NHL zur Nummer Eins zu werden, nie mehr als nur Theorie oder lose Vorstellungen. Ich hatte mein Ziel definiert und dazu brauchte es Geduld, die nun, wer weiss, auch belohnt werden könnte. Ich sagte mir immer wieder: Lieber etwas später die Nummer Eins bei einem Topteam zu werden, als niemals die Playoffs bestreiten zu dürfen und dafür früher als eine Nummer Eins in der NHL zu gelten. Mein Traum sind die Playoffs nächste Saison mit Colorado als Starting Goalie zu bestreiten.
Sie können ja auf eine Lobby innerhalb des Vereins zählen. Präsident Lacroix wie auch der Trainer Granato zählen auf Sie und lassen keine Gelegenheiten aus, Sie zu loben. Man hat auch bekannt gegeben, dass man nicht auf der Suche nach einem „Top Gun" als Roy-Ersatz sei. GM Pierre Lacroix ist ja bekannt dafür, nicht wortbrüchig zu sein und eine klare offene Linie in der Kommunikation zu führen. Gab es bereits schon diesbezüglich Gespräche über die unmittelbare Zukunft mit der Vereinsführung?
D. Aebischer:
Ja, General Manager Pierre Lacroix hat bereits mit mir gesprochen und versichert, dass man auf mich und Philippe Sauvé setzen würde. Natürlich ist damit nicht definitiv gesagt, dass man nicht doch noch einen Superstar holt. Aber ich gehe mal zum aktuellen Zeitpunkt davon aus, dass wir mit Sauvé und mir in die kommende Saison starten. Lacroix hat offen und ehrlich mit mir gesprochen und das Gespräch lief gut. Mehr möchte ich dazu aber noch nicht sagen (grinst).
Sie spüren demnach also konkret eine Rückendeckung?
D. Aebischer:
Das kann ich bejahen. Ich muss das aber auf dem Eis beweisen und schnell Siege generieren. Das obliegt weder meiner Einwirkung, ausser der sportlichen, noch kann ich das erzwingen. Die Führung und der Trainer müssen das Gefühl haben, ich sei soweit und man entscheiden muss, ob ich eine Nummer Eins bei der Avalanche sein kann. Deshalb hat man mich hier auch jahrelang nun aufgebaut und als Backup geformt. Ich kann zum jetzigen Zeitpunkt nur sagen, dass ich alles dafür tun werde, dass man in mich das vollste Vertrauen haben kann. Aber die Voraussetzungen scheinen gut zu sein. Das ist sicherlich richtig.
Wie bereitet man sich physisch und mental eigentlich auf eine so wichtige, richtungsweisende und wohl intensivere Saison als bisher vor? Gibt es da Umstellungen?
D. Aebischer:
Physisch bin ich bereits auf einem hohen Level. Als Backup-Goalie trainiert man viel mehr als wenn man die Nummer Eins ist. Ich bin nun extrem motiviert und gehe mit Power ins Sommertraining. Wenn wir am 13. September erstmals alle gemeinsam im Trainingslager der Avalanche wieder aufs Eis gehen, werde ich topfit bis auf die Haarspitzen sein. Dennoch werde ich die Routine nicht wegfallen lassen. Körperlich ändert sich nicht viel, auch wenn die Saison wohl mehr Substanz aufgrund einer grösseren Anzahl Spiele kosten wird. Aber das ist eh meine Stärke, denn physisch fühle ich mich stark.
Thema Playoffs: Das grosse Ziel eines NHL-Keepers ist eine Topleistung in den Playoffs. Erst dann gilt man als „geadelt". Was haben Sie in diesen Playoffs bei den anderen Butterfly-Goalies besonders bewundert?
D. Aebischer:
Ich hatte bereits in den zwei Jahren zuvor bei Patrick Roy die Gelegenheit, die Intensität und die Magie der Playoffs zu erleben. Es ist beeindruckend, wie die guten Golaies ihre Konzentrationsfähigkeit und ihr Level steigern können und auf den Punkt ihre Bestform abliefern. Es war super zu beobachten, wie Giguere beispielsweise die Playoffs durchspielte. Für mich ist ein Einsatz in den Playoffs als Nummer Eins das Grösste überhaupt. Dafür bin ich Eishockeyprofi geworden. Dafür habe ich gearbeitet und darauf brenne ich: Playoffhockey ist eine andere, neue Welt und ich will daran teilhaben.
Wie wichtig ist der Saisonstart in seiner ersten Saison als Starting Goalie? Die Psyche spielt eine besondere Rolle und als Nachfolger einer Legende wird man besonders stark beobachtet.
D. Aebischer:
Sollte ich als Nummer 1 für Colorado in die Saison 2003/04 starten, wird der Saisonbeginn sehr wichtig sein. Die ersten drei bis vier Spiele müssen gut laufen und die Startphase befriedigend ausfallen. Dann bin ich überzeugt, dass unsere Klasse sich durchsetzt und auch ich nicht in der Kritik stehen werde. Aber ich lese eh nie Kritiken an meiner Person. Ich nehme es selber wahr, wenn ich einen Mist gespielt habe. Ich höre mir nur das an, was der Goalietrainer mir sagt.
Bis Ende Juli/Anfang August 2003 sind Sie noch in der Schweiz, bestreiten gemeinsam mit Lars Weibel, Tinu Gerber und anderen Top-Keepern das Goalie-Camp von Butterfly-Guru Francois Allaire in Verbier. Auf welche Finessen werden sie technisch besonders achten?
D. Aebischer:
Ich arbeite täglich und laufend an meinen Schwächen. Diese verrate ich jetzt aber nicht. Die behalte ich immer für mich. Meinen Trainingsplan und meinen Fokus auf besondere Dinge betreffend des Camps mit Allaire ist nur ein Bestandteil meines Sommertrainings. Ich bin schon seit Anfang Juni voll im Training. Ich fühle mich sehr gut in Form, merke, dass ich sogar früher als gewohnt in guter Verfassung bin.
Wie hatten Sie die ungewohnt lange Freizeit während der Playoffs aufgrund des überraschenden Erstrunden-Outs genutzt? Gab es Entspannung im heimischen Tafers?
D. Aebischer:
Zuerst mussten wir das alles verkraften. Danach unternahmen wir einige Sachen gemeinsam, um die Enttäuschung als Team mit einem bestehenden gutem Teamgeist zu verarbeiten. Wir sind kein Team mit extremer Grüppchenbildung. Wir sind in der glücklichen Lage, dass fast alle gut miteinender auskommen. Mit Roy ging ich manchmal auch essen, dicke Freunde waren wir aber nicht, nur gute Kollegen. Das war aber okay so. Colorado hat schöne landschaftliche Voraussetzungen fürs Biken, für Wassersport oder andere Outdoor-Sportarten. Ich bevorzuge das Biken und Golf. Für Entspannung bei meinen Eltern gab es nicht allzu viel Zeit, denn ich habe sehr früh mit dem Training hier wieder begonnen.
3 Kernaussagen:
„Jetzt muss ich einfach meine Chance nutzen und Vollgas geben."
„Die ersten drei bis vier Spiele müssen gut laufen, das ist sehr wichtig!"
„Playoffhockey ist eine andere, neue Welt und ich will daran teilhaben."
Kasten 1:
Aebischers „Lobby"
David Aebischer ist bei den Colorado Avalanche äusserst beliebt. Seine Arbeitseinstellung und lockere Art kommt sowohl bei Spielern wie auch Funktionären an. Auch mit Patrick Roy harmonierte er optimal. Der „All Time Winningest Goalie" der NHL über David: „Er hat noch so viel Entwicklungspotential und wird eines Tages den Durchbruch schaffen!" Sein grösster Fan sind zudem seine Trainer. Sowohl Tony Granato wie auch sein Vorgänger Bob Hartley verteidigten ihn auch nach den ersten Niederlagen in dieser Saison und stellten klar fest: „Wir haben nie wegen David verloren. Das ist eine wichtige Feststellung!" Granato: „Er hat eine Chance verdient. Wir setzen auf ihn." Ausserdem betont bei jeder Gelegenheit Avalanche-Präsident Pierre Lacroix seine Bewunderung für David Aebischers Fähigkeiten: „Wenn er so weitermacht, wird er ein ganz Grosser. Er hat die Veranlagungen, ein Nummer Eins Keeper in einem NHL-Spitzenclub, also auch bei uns, zu werden."
Kasten 2:
Davids Statistiken in der NHL
|
Saison |
Club |
Spiele |
Siege |
Niederl. |
Remis |
Min. |
Shutouts |
GAA |
|
2000–01 |
Colorado |
26 |
12 |
7 |
3 |
1393 |
3 |
2.24 |
|
2001–02 |
Colorado |
21 |
13 |
6 |
0 |
1184 |
2 |
1.88 |
|
2002–03 |
Colorado |
22 |
7 |
12 |
0 |
1235 |
1 |
2.43 |
|
NHL Totals |
|
69 |
32 |
25 |
3 |
3812 |
6 |
2.18 |