Aebischers Traumwelt

 

Der 25-Jährige steigt am Freitag als Stammgoalie des Topfavoriten in die NHL-Saison

VON SIMON GRAF

ZÜRICH/DENVER Als David Aebischer im Herbst 1997 auszog, um die grosse Eishockeywelt zu erobern, hatte er gerade einmal elf Spiele in der Nationalliga A bestritten. Vor seinem Glück war ihm bei Fribourg-Gottéron Thomas Östlund gestanden, der schwedische Riese, der im Training sein Tor nie verliess und Aebischer und Steve Meuwly spüren liess, dass sie Ersatzgoalies waren und nicht mehr. Doch Aebischer, der im Frühjahr eher zufällig von Colorado in der sechsten Runde gedraftet worden war, wollte mehr. Er wollte die Nummer 1 sein.

 

 

 

 

Sechs Jahre später ist er die Nummer 1 - beim bestdotierten Team der Welt. Der Angriff der Colorado Avalanche Ausgabe 2003/04 liest sich wie ein Who’s who des Welteishockeys: Peter Forsberg, Joe Sakic, Teemu Selänne, Paul Kariya, Milan Hejduk, Alex Tanguay. Vergleiche mit den Edmonton Oilers der Achtzigerjahre, die mit Wayne Gretzky von Titel zu Titel stürmten und eine neue Währung von Offensivhockey prägten, sind in den Saisonvorschauen beliebt. Kariya, der Anaheim einst in einen üblen Vertragsstreit verwickelte, hat sogar auf mehrere Millionen Dollar verzichtet, um in Colorado mitspielen zu dürfen. Und in einer jüngsten Umfrage der «Hockey News» bezeichneten 50 Prozent der befragten Spieler die Avalanche als ihren Topfavoriten.

«Ich bin immer davon ausgegangen, dass ich die Nummer 1 sein werde»

Es ist bereits ein Kompliment für Aebischer, dass das Management Colorados nach dem Rücktritt des legendären Patrick Roy keinen anderen erfahrenen Goalie holte. Während des langen Sommers spekulierten Zeitungskolumnisten in ganz Nordamerika darüber, welchen Routinier die Avalanche noch holen würde. Am Geld jedenfalls mangelt es in Denver nicht. Die Salärsumme beträgt in diesem Winter erstmals über 60 Millionen US-Dollar. Doch auf der Goalieposition passierte nichts. General Manager Pierre Lacroix hielt sein Versprechen, mit dem unerfahrenen Duo Aebischer/Sauvé in die Saison zu starten.

Der Schweizer zeigte sich ob der sommerlichen Spekulationen unbeeindruckt. «Nein, ich war nicht nervös», sagt er. «Ich bin immer davon ausgegangen, dass ich die Nummer 1 sein werde. Das hat man mir versichert.» Trotzdem war er froh, als der Sommer vorbei war. Bereits drei Wochen vor dem Start des Trainingscamps reiste er nach Denver. «Um zu zeigen, dass ich bereit bin. Und um mich zu akklimatisieren. An den amerikanischen Lebensrhythmus, die acht Stunden Zeitdifferenz.»

Das Feuer von Vorgänger Patrick Roy loderte während 17 Jahren

Es ist allerdings nicht so, dass für ihn der Umzug an die Rocky Mountains noch ein Abenteuer wäre. Schon drei Jahre ist er in der «mile high city», seit zwei Jahren lebt er mit seiner Freundin Alexandra in einem eigenen Haus. Er sagt: «Denver ist für mich ein Stück Heimat geworden.»

Beobachter bezeichnen Aebischer dieser Tage als so gut austrainiert wie noch nie. Er hält fest, dass er im Sommertraining nicht viel verändert habe, und fügt selbstbewusst an: «Physisch war ich schon immer in einer guten Verfassung.» Verändern wird sich sein Pensum allerdings im Winter, wenn er statt 20 Spielen plötzlich 50 oder 60 bestreiten wird. Aebischer trainierte jeweils deutlich mehr als Roy, jetzt wird sich sein Hauptaugenmerk auf die Spiele verlagern. Im Frankokanadier hatte Aebischer in den vergangenen drei Jahren den wohl besten Lehrmeister. «Ich habe sehr viel von ihm profitiert», sagt er. «Seine ganze Einstellung zum Spiel, sein Feuer. Er war während 17 Jahren in jedem Match 100-prozentig motiviert. Das mag selbstverständlich tönen, ist es aber nicht.»

Roy bezeichnete Aebischer stets als den Richtigen, um bei der Avalanche sein Erbe anzutreten. Die beiden telefonieren noch regelmässig miteinander. Der Freiburger dürfte allerdings froh sein, dass der dreifache Stanley-Cup-Sieger, dessen Schatten ohnehin schon riesig ist, vorderhand nicht bei den Spielen präsent sein wird. Er hat sich nicht in Denver niedergelassen, sondern ist nach Québec zurückgekehrt.

Das Lob von Captain Joe Sakic: «Er wird gut sein, richtig gut»

Auch die Teamkollegen des Schweizers bemühen sich, ihm öffentlich das Vertrauen auszusprechen. So sagte Captain Joe Sakic unlängst gegenüber der Tageszeitung «Globe and Mail» aus Toronto: «Abby ist so überzeugt von seinen Fähigkeiten wie das Roy war. Jeder Goalie braucht eine Chance, um zu zeigen, was er kann. Aebischer wollte die Chance, er freut sich darauf und hat im Sommer sehr hart gearbeitet. Ich glaube, er wird gut sein, richtig gut.»

Aebischer ist sich bewusst, dass alle schönen Worte nichts mehr wert sind, wenn die Saison am kommenden Freitag mit dem Heimspiel gegen Chicago begonnen hat. Und er weiss, wie hoch die Ansprüche in Denver sind. «Aber das waren sie schon immer. Für mich hat sich nicht viel verändert», sagt er. «Ich muss einfach meine Spiele gewinnen. Das musste ich schon als Nummer 2.» Prognosen mag er dieser Tage nicht abgeben. «Ich denke immer nur ans nächste Spiel», betont er. «Auf keinen Fall darf ich zu weit nach vorne blicken. Ich muss mich nur auf meine Leistung im Tor konzentrieren.»

Der 25-jährige Freiburger hat sich seinen Traum erfüllt. Doch er weiss, dass man jäh aus seinen Träumen gerissen werden kann.